Für meine Großeltern
Kurz vor der Wende ließen meine Großeltern türkische Gastarbeiter in ihrer Ferienwohnung in einer Kleinstadt in der Nähe von Rostock übernachten. Aus wenigen Menschen wurden viele. Die Wohnung war voll, der Hof war voll, überall war Leben.
Die Erwachsenen sahen vermutlich Chaos.
Ich sah Gemeinschaft.
Menschen saßen zusammen, redeten, lachten, meckerten, rangelten, kamen und gingen. Niemand brauchte einen Termin. Niemand erwartete perfekte Aufmerksamkeit. Man war einfach da.
Wenn ich etwas tun wollte, tat ich es. Wer mitmachen wollte, machte mit. Wer etwas anderes tun wollte, tat im selben Raum etwas anderes. Und trotzdem gehörten wir für diesen Moment zusammen.
Erst viel später habe ich verstanden, was meine Großeltern mir damals vorlebten:
Gastfreundschaft bedeutet nicht, alles perfekt vorzubereiten. Sie bedeutet, Platz zu schaffen.
Sie haben mir gezeigt, dass Respekt auch im Chaos möglich ist, dass Ordnung nicht immer geplant werden muss und dass Gemeinschaft dort entsteht, wo Menschen willkommen sind.
Bis heute begleitet mich dieser Gedanke:
Das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist nicht seine volle Aufmerksamkeit.
Es ist das Gefühl, da sein zu dürfen.