An einem Tag

An der Wand dein Foto. Ich lächle und atme tief ein, bevor mein Blick nach unten wandert. Mein Kind ist mein größter Stolz und doch weg.
„Schatz, du kannst nichts machen“, sagt mein Lebensgefährte und nimmt mich kurz in den Arm.

Ein anderer Tag

„Mama, nie hilfst du mir“, höre ich aus der Richtung einer Parkbank. Mein Atem gerät kurz ins Stocken. Anschließend geht die Mutter schmunzelnd zu dem Kind, streicht ihm liebevoll über die Schulter und sagt: „Schnucki, ich helfe dir gerne. Jetzt wartet die Arbeit auf mich. Wir gehen das Thema heute Abend durch, versprochen.“
Ich sehe die Reaktion des Kindes, und die Anspannung in meinen Wangen schwindet. Meine Mundwinkel richten sich nach oben.

Ein weiterer Tag

Ich sitze im Pausenraum und lausche einem Gespräch am Nebentisch.
„Meine Mutter ist so toxisch. Ich habe vor einem Jahr den Kontakt zu ihr abgebrochen“, sagt eine Kollegin.
Ich atme langsam, und weitere Worte verstummen.
Ihr Gesprächspartner antwortet: „Das tut mir sehr leid, dass du so etwas erlebt hast …“
Ich höre nichts mehr, stehe auf und verlasse den Raum.

Ein letzter Tag

Mein Blick wandert zum Kalender. Auf dem Tisch liegt eine noch nicht ausgefüllte Geburtstagskarte. Ich nehme den Stift und beginne zögerlich zu schreiben. Ich halte kurz inne, und weitere Worte folgen. Doch … ich sende die Karte nicht wie in den vergangenen fünf Jahren ab. Dieses Mal wandert sie in eine Schublade …