An einem Tag …

Du schaust auf die Uhr, schaust durch die Gegend und deine Augen werden größer als Mutti mit dem Auto vor der Haustür steht. „Schön, dass du da bist! Lass uns los zu Vati“, sagt sie, ohne Mutti Augenkontakt zu schenken oder sie kurz zu umarmen und setzt sich auf einen Rücksitz. „Vati wartet schon auf uns“, so ihre Worte. Der Kopf meiner Mutti senkt sich leicht und schwer werden die Mundwinkel. Sie bleibt still.

An einem anderen Tag …

„Der Nachbar fährt mich heute nicht zu Opi“, sagt sie zu mir, geht dabei hin und her. Ihr Blick und die Mundwinkel sind dabei nach unten gerichtet. Ihre Augen funkeln gläsern. „Was soll ich denn jetzt machen? Deine Mutter ist nicht da“, möchte sie von mir wissen. Ich höre einfach nur zu und sage nichts.

An einem weiteren Tag …

Sie geht in großen Schritten durch die Küche. Von Links nach Rechts. Ihr Kopf zuckt. „Oma, wann ist dein Termin beim Neurologen?“ möchte meine Schwester wissen. Sie schweigt einen kurzen Moment, richtet ihren Blick ab und antwortet: „Dafür habe ich keine Zeit. Er braucht mich.“

Ich halte Blickkontakt mit meiner Schwester und es folgt Stille.

Einige Tage später …

Sie steht vor dem Krankenbett, auf dem der reglose weiße Körper Opas liegt, und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Mutti nimmt sie in den Arm. Ihre Arme hängen zu Boden und ihr Blick ist nur auf Opa gerichtet. Meine Schwester und ich stehen vor dem Sichtfenster. Stille.

Noch später …

Ich stehe vor Oma und mein Atem wird langsamer als sie auf der Couch sitzend fragt: „Siehst du dieses Kind da?“ Ich schaue zur gemeinten Stelle und meine Augen wechseln zwischen Oma und der Stelle. Hin und her. Ich sage nichts, warte stattdessen auf das Taxi, was Oma zum Neurologen fahren soll, und begleite sie.

Im Wartesaal sitzend wandert mein Blick auf die Uhr und zur Tür des Arztes. Meine Schultern, Beine und der Rücken steif, die Arme ebenfalls im Schoß liegend und die Hände zu einer Faust geballt. Und dann taucht sie mit dem Arzt auf. Er fängt an zu reden und während er mit mir redet, schaue ich in ihr Gesicht, dem keine Mimik zu entlocken ist. Ich atme langsam und sage nichts. Anschließend hole ich mein Smartphone aus der Tasche, tippe ein paar Zeilen in den Messenger und merke, wie mein Atem leicht ins Stocken gerät und die Augen nass werden. Doch ich halte aus …

Jetzt …

Wir fahren in schwarz gekleidet auf die Ostsee. Die Zeremonie der Urne beginnt. Ein zweites Mal binnen wenigen Monaten.