Ich gehe wie jeden Tag den Flur entlang und bleibe vor einem Foto stehen. Meine Augen wandern nach unten, meine Schultern hängen schlaff. Ein Jahr ist es heute her. Und noch immer denke ich oft daran, wie gern ich Sie in manchen Situationen an meiner Seite gehabt hätte.

„Miga, schön, dass du da bist!“, ruft Lina mir entgegen. Sie lächelt, aber ich schaffe es heute nicht, dieses Lächeln zu erwidern.

„Oh … tut mir leid. Ich hatte den Tag gar nicht mehr auf dem Schirm“, sagt Lina leise.

„Schon wieder ein Trauerkloß wegen der Lehrerin? Sie war alt, und jeder stirbt irgendwann“, meint Vera von der Seite. Sie steht aufrecht da, die Arme vor der Brust verschränkt.

Lina tritt sofort vor mich. „Wie kannst du so etwas sagen? Halte doch einfach den Mund, wenn dir die Sensibilität fehlt!“

Ich sage nichts. Die Worte der beiden erreichen mich nur gedämpft, als kämen sie aus weiter Ferne.

Dann wird es plötzlich still.

„Vera, den Verlust eines geliebten Menschen herunterzuspielen dulde ich im Klassenverband nicht“, sagt Miro mit ruhiger, bestimmter Stimme.

Ich spüre, wie er mir tröstend die Hand auf die Schulter legt. In mir ist es ganz still. Aber zum ersten Mal fühlt sich diese Stille nicht leer an.