Mein linkes Bein wippt zügig auf und ab. Ich blicke auf mein Smartphone. Du bist seit fünfundvierzig Minuten unterwegs, um beim Sweet Peach Brötchen zu holen. Lawrence? Etwas weit hergeholt, dachte ich … doch irgendetwas sagt mir, er könnte es wissen. Mein Herz schlägt schneller. Ruckartig stehe ich vom Stuhl auf. »Ich schaue nach Marina. Ich mache mir Sorgen.«
In großen Schritten laufe ich zum Bäcker, und eine auf der Terrasse sitzende ältere Dame mit gelocktem, lilafarbenem Haar zieht meinen Blick magisch an. Meine Augen werden größer … doch irgendetwas in mir reagiert schneller als mein Blick. Ich stehe einfach nur da, und Leere macht sich in meinem Kopf breit. In meinem Bauch nehme ich ein Kribbeln wahr. Ich kenne die Dame aus jungen Jahren. Während ich mich kein Stück weiterbewege, drängen sich mir Erinnerungen aus der beflügelnden Zeit mit dieser Frau in meiner Heimatstadt Mera Luna auf …
*
Aufgerichtet stehe ich vor der Modeboutique HeartBeat. Mein Herz pocht gewaltig, und mein Lächeln wird breiter. Ich atme tief ein und öffne die Ladentür. Eine kleine Klingel ertönt.
» Ich hab endlich genug Taschengeld zusammen«, rufe ich in den Raum.
Ein lautes Lachen ertönt.
»Junge, so energiegeladen wie immer. Doch du bist hier nicht alleine«, sagt die Ladenbesitzerin Marlice Eckhard. »Ich finde es wunderbar, dass du dein Ziel erreicht hast. Dein Outfit habe ich dir reserviert.«
Sie nimmt einen Gehstock in die rechte Hand, tastet sich damit in eine Abstellkammer vor und kehrt anschließend wieder zu mir zurück. In der rechten Hand hält sie Bügel mit meiner Wunschkleidung. Bevor Marlice sie mir entgegenstreckt, fährt sie mit den Fingern über das Produktschild.
»Hier, Leo, probier’s in Ruhe an.«
Ein kurzer Moment Stille.
Keine Ahnung, wieso. Doch ich wartete auf irgendwas.
»Du bist schon eigen …«
Sie lächelt leicht.
»Das fällt auf.«
Für einen Moment spüre ich Wärme. Ohne genau zu wissen, warum. Hastig eile ich in die Umkleidekabine und beginne, mich umzuziehen.
»Das ist doch nicht Ihr Ernst!«, höre ich eine Männerstimme brüllen. Ich drehe mich um und schiebe den Sichtschutz leicht zur Seite. Ein Mann und eine Seniorin stehen an der Kasse.
»Ich biete Ihnen die doppelte Summe, und Sie wollen das Outfit einer anderen Kundin verkaufen, nur weil sie zuerst danach gefragt hat?«
Der Herr fuchtelt mit den Armen und ballt die Fäuste.
»Ja. Es ist ein Unikat, und bei der Entscheidung geht es mir ums Prinzip«, antwortet Marlice.
»Oh bitte, ich möchte keinen Streit«, sagt die Seniorin mit zittriger Stimme.
»Liebe Dame, Sie trafen die Kaufentscheidung vor dem Herrn. Deshalb bekommen Sie es zu dem angebotenen Preis«, erwidert Marlice in einem sanften, aber bestimmenden Ton.
»So wenig Unternehmergeist habe ich noch nie erlebt!«, schreit der Mann aufgebracht, stampft zur Tür, öffnet sie und knallt sie hinter sich zu.
Ich konnte mir damals das Lachen nicht verkneifen. Die Frau hatte echt Eier!
Anschließend drehe ich mich wieder zum Spiegel und sehe … mich. Mich in einer engen blauen Jeanshose mit dunkelbraunem Ledergürtel und einem weißen Hemd mit langen Rüschen an den Ärmeln sowie einem geblümten Strickmuster am Dekolleté. Die Kleidung schmiegt sich sanft an meinen Körper. Ich atme tief ein und langsam wieder aus.
Ich zögere kurz. Danach verlasse ich die Kabine und gehe zum Tresen. Währenddessen beobachte ich, wie Marlice ein kleines Gerät in die Hand nimmt, Kataloge scannt und sich die Produkte über eine Vorlesefunktion vorlesen lässt. Ihre Finger bleiben einen Moment länger auf dem Stoff liegen.
»Und? Fühlst du dich in der Kleidung wohl?«
Ihr Fokus liegt nicht auf mir – und trotzdem habe ich das Gefühl, gesehen zu werden.
»Bingo! Ich kauf das!«, sage ich und grinse wie ein Honigkuchenpferd.
Marlice verpackt mir die Kleidung sorgfältig, und ich verabschiede mich.
*
Und dann verging die Zeit – genau genommen eine Woche. In meinem warmen Bett liegend öffne ich die Augen, denn das Sonnenlicht fällt zwischen den Gardinen direkt in mein Gesicht. Ich stehe auf, ziehe die Vorhänge auf und blicke, wie jeden Morgen, auf den Kanal. Dieser trennt die Innenstadt meiner Heimatstadt Mera Luna von dem Stadtteil Salthusen. Dort wohnte ich mit sechs Jahren bei meinen Großeltern in einem Baumhausapartment. Sowohl eine Brücke als auch eine Fähre verbinden den Stadtkern mit meinem Stadtteil. Ich öffne das Fenster, und eine angenehm warme Luft streicht an meinem Kopf und Oberkörper vorbei. Der Geruch von Zitruspflanzen sowie süßlich-wohligem Lavendel stimmt mich auf den Tag ein, wenngleich die Aussicht mittlerweile aus Gewohnheit eher unspektakulär wirkt.
Ich ziehe meine neue Kleidung an und gehe nach dem Frühstück zur Schule. Dort angekommen warte ich innerlich auf die ersten Kommentare und es dauert keine Minute.
»Willst du jetzt ein Mädchen sein, oder was?«, fragt mich ein pummeliger Mitschüler.
» Und du bist was – ’ne Tonne?«, kontere ich, strecke ihm die Zunge heraus und lache.
Er zieht die Unterlippe hoch, während andere Kinder lachen. Ich senke den Kopf, und meine Augenbrauen wandern nach unten. Eine große Klappe hatte ich schon damals – nur bewältigte ich verbale Angriffe wie ein Keiler, der sein Territorium beschützt.
*
Auf dem Heimweg komme ich an der Modeboutique vorbei. Ich atme schnell. Mein Herz pocht. Mein Kopf ist leer. Die Tür ist verschlossen.
Ein Zettel klebt schief an der Scheibe.
Geschlossen.
Ich blinzle. Ein leichter Schwindel setzt ein. Ein hohes Piepsen zieht durch mein Ohr.
»Die Modeboutique hat dicht gemacht!«
Die Stimme kommt von irgendwo rechts. Ich bewege mich nicht.
Nebenan, im Schuhgeschäft, reden zwei Frauen.
»Ich habe gehört, dass Marlice Eckhard heute früh von der Polizei abgeführt wurde. Wissen Sie, was da vorgefallen ist?«
»Ja … man sagt, nach ihr wurde gesucht. Ein Hinweis aus der Öffentlichkeit.«
Stille.
Mein Blick bleibt an der Tür hängen.
Geschlossen.
Ich schlucke.
Marlice …?
Meine Finger zittern leicht.
Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen, das zu glauben.
Ist sie wirklich eine Kriminelle?
Mein Brustkorb zieht sich zusammen.
Ich drehe mich langsam um und gehe los.
Jeder Schritt fühlt sich falsch an.
In dem Moment, in dem Marlice festgenommen wurde, bricht etwas in mir weg.
*
Am Tag darauf schlägt mein Großvater am Frühstückstisch die regionale Zeitung auf.
»Frau Eckhard wurde festgenommen«, sagt er mit sichtlich betrübtem Blick.
»Was hat sie angestellt?«, frage ich.
Er schaut kurz zu Oma.
»Manch einer mag es nicht, wenn Spielregeln missachtet werden«, sagt er mit seiner ruhigen warmen Stimme.
Mein Blick wandert hin und her, bis er wieder bei meinem Opa bleibt. Er verzichtet auf weitere Erklärungen. Doch meine Oma legt ihre Hand auf meine Schulter, beugt sich zu mir und ergänzt:
»Leo, merke dir eines: Menschen sind nicht immer offen für Neues. Manchmal braucht es Generationen, bis Neues zur Selbstverständlichkeit wird. Frau Eckhard war anders. Doch ich bin mir sicher, ihr Weg endet nicht hier.«
Ich schaue sie mit großen Augen und offenem Mund an, sage aber nichts.
Instinktiv wusste ich, dass sie mir keine klare Antwort geben werden.
»So, der Kakao mit Sahne wartet auf uns. Wir trinken ihn heute im Grünen und spielen ein Spiel: Wer den Kakao ohne zu kleckern nach unten trägt, muss nicht abräumen«, sagt mein Opa und sprüht noch mehr Sahne in unsere Tassen.
»Duuuu!«, ruft Oma empört, während er lachend nach draußen geht.
Abends stehe ich in meinem Kinderzimmer und schaue aus dem Fenster. Ich balle meine Fäuste und presse Kiefer und Lippen fest zusammen.
»Wenn sie fürs Anderssein bestraft wird, dann kann es nicht falsch sein. Aus Prinzip heiße ich ab heute Lea!«
Mein Entschluss steht fest.