Eine Kurzgeschichte, bzw. literarische Verdichtung, die als Erinnerung dient, im Hier und Jetzt präsent zu sein, und zu leben.


Feuchtwarme Luft streift mein Gesicht. Meine Waden brennen. Ich setze ein Bein vor das andere.

Mit dem linken Fuß rutsche ich auf dem nassen, matschigen Boden weg und kippe leicht nach rechts. Der Ruck treibt mir den moderigen, holzigen Geruch des Waldwegs in die Nase. Mehr nehme ich nicht wahr.

Der Aufstieg ist ein selbst auferlegter Kampf.

Adrenalin trägt mich weiter.

Dreißig Minuten zuvor stehen wir am Fuß des Berges.

„Wir sind angekommen“, ruft Hermine. „Der Affenpark Iwatayama in Arashiyama. Der Weg hierher war anstrengend – und jetzt den Berg hinauf? Nicht mit mir.“

Sie hat recht. Der Marsch durch Arashiyama und über die lange Brücke hat uns Kraft gekostet.

„Ich möchte Kyoto von oben sehen“, sage ich. „Und die Makaken.“

Im Hinterkopf meldet sich der Schmerz von vor sechs Wochen.

„Was ist denn los? Du liegst da mit verschränkten Armen auf dem Bauch“, sorgt sich Hermine. Mein Inneres zog sich zusammen, der Druck zwang mich, mich zu krümmen.

Wenige Stunden später fand ich mich im Kreissaal wieder. Die Diagnose fiel hart aus: „In Ihrer Gebärmutter und in deren Bauchzwischenräumen befanden sich Gewächse und Zysten. Mehrere sind geplatzt, was zu inneren Blutungen geführt hat. Wir können nicht garantieren, dass Sie nach diesem Eingriff noch Kinder bekommen können.“

Ich spürte die Enge in meiner Brust, und für einen Moment stockte mir der Atem. Mein Blick senkte sich nach unten, und in meinem Kopf kehrte absolute Leere ein. Keine Kinder?

„Hauptsache dir geht es gut!“

„Verständlich, das ist eine schreckliche Nachricht.“

„Wenn ich etwas für dich tun kann, sag Bescheid.“

Damals lieb gemeinte Worte von Freunden und Familie, die an meinem Gedankenkern vorbeigingen. Im Alleinsein begannen die pessimistischen, rationalen und optimistischen inneren Dialoge:

„Deinen Kinderwunsch kannst du jetzt knicken!“

„Wer weiß, wofür es gut ist.“

„Mit 35 wärst du eh schon zu alt gewesen!“

„Das Leben geht weiter. Freue dich auf Japan und werde schnell wieder fit!“

Die Stimmen verstummen. Zurück bleibt nur der Druck tief im Unterleib und meine nach unten gezogenen Mundwinkel.

Nun setze ich ein Bein vor das andere und gehe weiter bergauf. Die Waden brennen, der Schmerz im Unterleib zieht mit.

Nach wenigen Minuten erreiche ich das Reservat. Die Makaken sitzen dicht beieinander, ruhig, wachsam.

Kyoto bleibt hinter dem Nebel verborgen. Die Stadt ist nur eine Ahnung.

Ich stehe still, spüre meine brennenden Waden, den ziehenden Schmerz im Unterleib.

Und ich stehe.